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im Osnabrücker Land

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Historische Geschichten

Schnapsbrenner und Kohlenklau in Vehrte

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Fritz Grimm

war bis zur Gemeinde- und Gebietsreform am 1. 7. 1972 Bürgermeister der Gemeinde Vehrte. Er ist in Vehrte auf dem elterlichen Hof aufgewachsen und hat die Kriegs- und Nachkriegszeit in Vehrte hautnah miterlebt. Fritz Grimm ist inzwischen verstorben.

Mit Genehmigung seiner Ehefrau Gerda Grimm drucken wir hier ab, was ihm aus dieser Zeit und auch vom Schnapsbrennen und vom Kohlenklau in Vehrte noch in Erinnerung war. Für die Jüngeren sind diese Aufzeichnungen bestimmt interessant. Viele ältere Bewohner in Vehrte werden sich hieran ebenfalls noch gut erinnern.

In dem 1980 erschienenen Heimatbuch Belm (1) sind die nachstehenden Erinnerungen bereits abgedruckt.

 

Schnapsbrenner und Kohlenklau in Vehrte

Fritz Grimm

 

Bei Kriegsende 1945 war Hellmut auf unserem Hof in Vehrte hängengeblieben.

Er stammte aus dem Teil Pommerns, der heute zu Polen gehört. Zusammen mit Paul aus Thüringen und Hugo aus Mecklenburg machte er die Arbeit, die während des Krieges von Polen gemacht worden war.

Der Krieg hatte die Menschen durcheinander gewirbelt wie ein Herbststurm die Blätter. Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte suchten ein Dach; entlassene Landser wollten nach Hause; Russen und Polen durchstreiften das Land, warteten auf ihren Rücktransport und die Engländer waren Besatzungsmacht.

Lebensnotwendiges war knapp und etwas mehr schon Luxus. Für manche galt das Faustrecht.

An einem Sonntagmittag drangen Polen in einem Hof in Wellingen ein und verlangten von dem Bauern Eier. " Ich habe keine", sagte er, "und wenn ich welche hätte, dann bestimmt nicht für Euch!" Sie erschossen ihn in der Küche.

Ein Bekannter besuchte uns und stellte sein - ach so wertvolles – Fahrrad abgeschlossen vor die Haustür. Zwei vorbeikommende Russen nahmen es mit - einer am Lenker, einer am Gepäckträger. Aufgeregt lief der Besitzer ihnen nach und rief : "Halt, halt; mein Rad! " "Dein Rad? " fragte einer der Russen während er seelenruhig eine Pistole zog : "Gib Schlüssel!"

 

Hellmut, Paul und Hugo hatten sich etwas eingelebt und waren eines abends zum Kartenspiel in der Nachbarschaft, als mehrere Polen in unser Haus eindrangen. Frauen und Kinder waren allein, doch zum Glück gelang es im ersten Durcheinander, eine auf dem Dach montierte Sirene einzuschalten. Im Kriege musste das bei "Fliegeralarm" und Entwarnung gemacht werden. Heute haben wir wieder so was, aber ferngesteuert. Der schrille Heulton trieb die Polen Hals-über-Kopf aus dem Haus. Wild um sich schießend flüchteten sie querfeldein , so dass die herbeieilende Nachbarschaft volle Deckung suchen musste. "Verdammt, fast hätten die Lumpen mir den Mutz kaputtgeschossen! " fluchte Hellmut.

 

Rauchen war seine Leidenschaft; obwohl er den Pfeifenkopf auf ein absolut notwendiges

Minimum abgefeilt hatte und Heublumen- und anderen Tee rauchte, reichte es weder hinten noch vorn. Das wurde erst besser, als er sich im Garten eine kleine Tabakpflanzung anlegte. Da aber schon frühzeitig soeben gelbe Blätter von der Pflanze über den Backofen in den Pfeifenkopf wanderten, spannte er, lange vor der neuen Ernte, die aufbewahrten Pflanzenstängel in den Schraubstock und bearbeitete sie mit einer Holzraspel. Derart gewonnener Raspeltabak oder " Krüll vom Stängel " zeichnete sich durch intensive Glimmfähigkeit aus, so dass Hellmut mit einem Streichholz zwei Pfeifen rauchen konnte : die erste normal von oben nach unten brennend, danach brannte die zweite - gemächlich neu gestopft - von unten nach oben.

"Typisch Obergefreiter", meckerte Paul , wenn ihm der Stängelmief zuviel wurde, "die bauen nicht nur Mist, die stinken auch so." Hellmut war der geborene Nicht-Soldat, hatte aber den Krieg von Anfang bis Ende mitgemacht und wurde sogar Obergefreiter. Paul dagegen war Oberfeldwebel gewesen und er erzählte oft, wie gut es seine Leute bei ihm - immer

zackig - als " Mutter der Kompanie" gehabt hätten. "Als Spieß konntest du deine Klappe lange genug aufreißen " , antwortete ihm Hellmut dann, "aber jetzt musst du schön artig se in, sonst schicken wir dich nach Nürnberg! Wart' erst mal ab, was aus deinen Wander-

zigarren wird."

Paul hatte seinen Tabak nämlich in Rulle von einer ehemaligen Zigarrendreherin zu kleinen Stangen mit unregelmäßigem Durchmesser verarbeiten lassen. Im Moment standen die Dinger in einer Kiste zum " Reifen " auf Bäcker Balgenorts Backofen. Als er nach einiger Zeit die erste dieser Zigarren feierlich in Brand setzte, sah alles interessiert zu. "Lass doch mal

'n Zug machen ", streckte Hellmut die Hand aus. "Na! ", stolz zeigte Paul die erste schneeweiße Asche ,,- kannst die Kippe kriegen! " Doch schon beim nächsten Zug warf er die Zigarre mit einem Fluch auf den Tisch, sprang auf und lief zum Wasserhahn. Es stellte sich heraus, dass nicht nur diese, sondern alle Zigarren so waren: der innere Teil - zu locker und zu trocken - brannte weg wie Zunder, während die dicken Deckblätter als Rohrwand stehen blieben. "Da habt ihr mal einen Feuer speienden ,Spieß' gesehen" , grinste Hellmut, als er den Zigarrenrest pfeifengerecht zerschnitt.

Im Jahr darauf bauten wir für die Firma Brinkmann in Bremen Tabak an. Für die gebündelten und getrockneten Blätter gab es etwas Reichsmark und - was viel wichtiger war - fertigen Pfeifen-Krüll-Tabak. Für Hellmut kam die Welt so langsam wieder in Ordnung.

 

Nach dem Zigarrendesaster überraschte uns Paul mit einer Schnapsidee: "Wie wär's, wollen wir nicht mal das Schnaps-Brennen versuchen?"

Aber wie und woraus? Irgendwer wusste, dass die Primitiv-Brennerei aus Getreide gefährlich sei, weil dabei zu leicht Methylalkohol entstehe und der sei giftig. Also einigten wir uns auf Futterrüben und zum "wie" sagte Paul: "Lasst mich man machen." Er suchte ein altes Holzfass, füllte es zur

Hälfte mit feingemusten Rüben, gab etwas Hefe dazu und grub das ganze in warmen Pferdemist ein, damit es gäre. Nach einigen Tagen sagte er: "Morgen wird destilliert." Die Vorbereitungen dauerten einen halben Tag: Die Maische kam in den Schweinekessel, der Deckel wurde mit Stangen zur Decke festgekeilt und der Rand mit feuchtem Getreideschrot abgedichtet. Ein Gummischlauch wurde in ein vorher eingehauenes Deckelloch gesteckt und durch eine mit kaltem Wasser gefüllte Milchkanne geführt.

Letzte, prüfende Korrekturen - und unter Spannung und Skepsis wurde eingeheizt. Bald zischte und schäumte es aus allen Ritzen und Löchern - nur der Schlauch gab nichts von sich. "Mach noch mehr Feuer! " - " Siehste!" Jetzt spuckte stoßweise eine dunkelbraune, dampfende Flüssigkeit aus dem Schlauch in einen darunter stehenden Topf. Das Kühlwasser begann zu dampfen. Paul musste eine Strebe nachschlagen, da zuviel Dampf

entwich. Ein Keil rutschte , die Strebe kippte, der Deckel hob sich, und mit Dampf und Donner schoss die brodelnde Brühe an Wand und Decke. Das Saubermachen dauerte auch einen halben Tag, und was in dem Topf war, haben wir nie erfahren.

Dass wir bei allem noch Gück gehabt hatten, wurde uns erst später klar, als in einem ähnlichen Fall ein Bauer aus Haltern an den dabei erlittenen Verbrennungen starb. Im Augenblick war es jedoch nur ein missglückter Versuch und es fügte sich glücklich, dass meinem Großvater - einem Kupferschmiedemeister in Osnabrück - vom Zoll beschlagnahmte Destillationsapparate zur Verwertung als "Altkupfer" überlassen wurden. Jetzt hatten wir einen Apparat aus Kupferblech, doppelwandig, mit Kühlschlange und Manometer - ein Profigerät, das später auch aus der Nachbarschaft unter dem Stichwort "Scheibenegge " angefordert wurde. Sogar die Dorfpolizisten lobten unseren Schnaps. Auch die" Rohstoffbasis" verfeinerte sich mit der Zeit. Man brauchte zwar einen Tag, um sich mit Pferd

und Wagen aus Rabber für ein Fuder Zuckerrüben mehrere Eimer Sirup zu holen, dafür gelang aber jede "Destillation" auf Anhieb und man hatte beim Trinken nicht die Vision aus der Flasche wachsender Rübenblätter.

Zuckerrüben waren deshalb derart gefragt, so dass wir unsere zur Erntezeit gelegentlich bewachten. Einmal erwischten wir jemanden aus dem Schinkel, der noch in der Nacht nach Hause radelte, um eine Kiste Zigarren zu holen. (" Bitte nicht anzeigen, ich bin Beamter. ") Natürlich durfte er soviel Rüben mitnehmen , wie sein Drahtesel trug . Nicht jeder konnte Ware gegen Ware tauschen. So erinnere ich mich an ein Telefongespräch, dass

ich zufällig im Versorgungsamt Osnabrück hörte. Da verlangte jemand Herrn Müller vom Entnazifizierungshauptausschuss und, als er diesen hatte: "Du, Herbert, kannst Du mir zum Wochenende ein paar Stück Seife besorgen?" Pause - und dann: " Ja, das geht in Ordnung."

 

Der Schwarzmarkt blühte, Hamstern gehörte zum Alltag und Tauschen zum Geschäft.

Mein Vater - mittlerweile auch wieder zu Hause - brauchte einen Anzug. Der Schneider im Ort konnte so etwas beschaffen, dazu noch aus einem Stoff, "der wirklich mal einen Regenschauer vertragen kann." Allerdings kostete das ein mittelgroßes Schwein. Dieser "quick-quick" Markenanzug (Modell Dr. Schlauchs's rund gebügelte Gesundheitshose) ist tatsächlich etwas älter geworden als das gelieferte Schwein.

 

Inzwischen war das Verfahren der Schnapsherstellung verbessert worden, indem wir den ersten Durchlauf nochmals destillierten. Das Produkt, 90%iger Alkohol, wurde auf etwa 35% verdünnt. Dr. H., der mit Familie bei uns wohnte und sich um eine Zulassung als praktischer Arzt bemühte, wusste, dass Waldmeister dem Schnaps ein ganz vorzügliches Aroma verleihe.

Der erste Versuch befriedigte nicht, weil wir dem Waldmeister nur eine knappe Stunde Zeit ließen, sein Aroma zu entfalten. Erst als wir ihm eine Woche gaben, glaubte man schon nach einigen Gläsern im Wald zu stehen.

 

Auch Felix M. aus der Nachbarschaft wusste unseren " Brand " zu schätzen und war häufiger Gast. Immer wenn er kam, machte er einen so hundemüden Eindruck, dass wir ihn einmal fragten, ob er denn nie richtig ausschlafen könne. "Ausgeschlafen sein, das heißt beim Anblick eines frisch gemachten Bettes körperlichen Ekel zu empfinden ", meinte er dann, "und das Gefühl hab' ich noch nie gehabt." Dabei war er noch recht aktiv im Sportverein, genauer gesagt, in dessen Vorstand. In dieser Eigenschaft kam er eines Tages zu mir: "Du, an dem und dem Samstag machen wir unseren Rosenmontagsball, da solltest Du den Prinzen machen." "Ich? Wieso ich?" " Ja, weißt Du, Du könntest doch schließlich etwas Schnaps . . . , also bei diesem Heißgetränk, was da in der Kneipe ausgeschenkt wird,

kommt doch keine Stimmung auf." "Ach so - na gut! " Mit 30 Flaschen stellte das Orte verbindende Fest (die Prinzessin Anne L. kam aus Icker) auch die Standfestesten zufrieden. Gegen Morgen nämlich - die Musikkapelle begleitete gerade einige Festteilnehmer zum Bahnhof, die in Hamburg ein HSV-VFL-Spiel sehen wollten - meinte Hermann P. zu mir: "Na,

ist deine Quelle ausgetrocknet?" "Wenn Du einen findest, der zur Quelle fährt: bei uns steht noch eine halbe Flasche." Er fand jemanden. Dass es jedoch 90%iger war, verschwiegen wir dem Hermann, als wir ihm das erste Glas daraus eingossen. Er hatte es kaum gekippt, als er es in die Ecke feuerte und sich sein großes weißes Taschentuch ganz und gar in den

Mund stopfte. - "Hermann, noch einen?" - Mit vorwurfs- und tränenvollen Augen schüttelte er zuerst heftig den Kopf und dann - wie ein nasser Hund - den ganzen Körper.

 

Feste und Feiern nahmen zu, denn der Nachholbedarf war groß. Fast jeder brannte Schnaps oder kannte jemanden , der Schnaps brannte und selbstverständlich brachte man eine Flasche mit. Es förderte die Geselligkeit und ließ keine Langeweile aufkommen, wenn alles durcheinander probierte. "Na, schmeckt er?" "Hm - gut!" Dabei war es immer der gleiche „Balkenbrand", mal schmeckte er wie Eierlikör und mal nach Runkeln , mal wie Pfefferminze und mal nach Gummi.

Es war wichtig, während des "Brennens " gleichmäßige Temperatur und damit gleichmäßigen Druck zu halten, weil andernfalls der ganze Brand verdorben war. Das war schwierig hinzukriegen mit Holz, denn man musste das Feuer ständig im Auge haben.

 

Mit Kohle wäre es besser gegangen, wenn es welche gegeben hätte. Wir sahen zwar genug davon, weil täglich bei uns lange Güterzüge aus dem Ruhrgebiet vorbeirollten, die die Kohle

nach Hamburg brachten , von wo sie nach irgendwohin verschifft wurde. Allerdings hatten die alten, schnaufenden Dampfloks auf der ansteigenden Strecke von Osnabrück nach Vehrte häufig genug ihre liebe Last, um die Waggons in Bewegung zu halten. Besonders im Winter ging ihnen gelegentlich die Puste aus, wenn der kalte Ostwind auf die Breitseite des

Kessels drückte und der ganze Zug nur im Schritttempo vorwärts kam oder anhalten musste, um wieder Dampf zu machen. Dann war "Zechen-Zeit" längs der Bahnlinie. Es war erstau-n lich, woher so schnell so viel Leute kamen, selbst Dr. H's sonst recht vornehme Frau rutschte nach getaner Arbeit strahlend und mit roten Backen auf ihrem Leopardenmantel den

Bahndamm herunter.

Hielt der Zug länger, war aber auch bald die Polizei zur Stelle. So in Powe, als jemand auf dem Waggon erwischt wurde. "Kommen Sie sofort herunter!" befahl der Polizist. "Ja, ja", rief der Betreffende, "nur ist's mir zu steil; - wegen meines Holzbeines. Ich komme an der anderen Seite runter!" ,Den hab' ich geschockt', dachte der Ordnungshüter und ging -

damit er sich nicht zu bücken brauchte - um den Zug herum, den Kohlenklauer zu empfangen. Nur - dort war niemand zu sehen. Also rauf auf den Waggon: Da sah er ihn in der Ferne laufen, aber an der "steilen " Seite, bestimmt mit zwei gesunden Beinen und dazu noch mit einem Kohlensack auf dem Buckel.

Auch im Vehrter Dorf lag einmal spät abends eine Lok fest. Trotz größter Feuer speiender Anstrengung gelang es ihr nicht, den Zug vorwärts zu bewegen. Eine Rangierlok wurde telefonisch von Osnabrück angefordert, um das Ganze über den Berg zu schieben . Inzwischen hatten aber die Bewohner vom Gattberg und vom Dorf mit Wagen und Karren begonnen, die letzten Waggons zu erleichtern . Man war mitten in der Arbeit, als die

Rangierlok angefaucht kam. "Mann, kannste nicht etwas warten? Wir holen Dir auch was zu essen." "In Ordnung - macht aber dalli!" Nach einer guten halben Stunde waren beide Seiten zufrieden gestellt. Kräftig pfiff die Rangierlok, müde antwortete die vordere und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

 

Zusammen genommen geben diese kurzen Erinnerungen kein Bild von jener Zeit vor über dreißig Jahren. Es sind Schlaglichter aus einem kleinen Teil des Lebens jener Jahre, die so reich an Not und Sorge waren, aber auch nie ohne Lebenswillen und Hoffnung.

 

Der Süntelstein und der Teigtrog und Backofen des Teufels.

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Der Süntelstein und der Teigtrog und Backofen des Teufels.

(Aus Mitteilungen des Historischen Vereins zu Osnabrück 1848)

Anmerkung: Im heutigen Sprachgebrauch wird Teufels Backofen und Teufels Teigtrog benutzt, oder auch in Teufels Küche.

Die beiden Steindenkmäler: des Teufels Teigtrog und Backofen liegen im Verther Bruche an einem südlichen Ausläufer der Venner 1) Egge, nur etwa 30 Ruthen von einander. Hier tritt das von Lodtmann in seinen Osnabrückschen Monumentis (S. 134) besungene Bächlein Krietbecke in schwarzen Kreideufern aus einer Schlucht zwischen zwei Vorhügeln der Venner Egge rasch hervor und setzt dann seinen Lauf durch die Heide der Seelhorst ruhiger fort, bis zu seiner Vereinigung mit der aus den Ostercappeler Bergen herabkommenden Miegbecke. Versteinerungen mancher Art aus der Liasformation werden alljährlich von der Krietbecke aus den Venner Bergen losgespült und an den Abhängen vielfach gefunden. Von der Auffindung von Urnen in dieser Gegend ist uns dagegen bislang nichts bekannt geworden, obgleich der Name der Seelhorst und der Bauerschaft Verthe der Vermuthung vielleicht Raum geben dürften, daß etwaige Nachgrabungen hier nicht ohne Erfolg sein würden. Denn Seelhorst könnte man ableiten von: Seele und hohe (höe) Rast und Verethe von Vera, gleichbedeutend mit Seele, und Ethe Hethe oder Heide. 2) — Beide Steindenkmäler zeichnen sich vor den gewöhnlichen heidnischen Opfersteinen und Hünenbetten durch nichts aus. Sie sind von derselben Bauart, indem bei dem einen drei, bei dem andern fünf Decksteine von Granit auf Trägern von demselben Material« über einem mäßigen Aufwurfe ruhen, in welchem auch Grabhöhlen für die Aschenkrüge sich wahrscheinlich finden werden. Merkwürdig aber sind die Namen beider Denkmäler und die Sagen, welche sich daran knüpfen. Das kleinere Hünenbett am westlichen Abhange des Vorhügels unmittelbar über der Krietbecke heißt des Teufels Teigtrog, das größere am südlichen Rande desselben Hügels des Teufels Backofen, und soll auch der Teufel auf dem einen sein Brod geknetet und auf dem andern dasselbe gebacken haben.

Die Sage enthält vielleicht die christliche Auffassung eines heidnischen Opferschmauses zu Ehren eines Gottes. In dem ehemals dichten Walde der Venner Berge, welcher sich noch im 13. Jahrhunderte zu beiden Seiten der Egge herab weit in die Venner, 3) Verther, Engter 4) und Icker 5) Marcken erstreckte, mag sich wohl noch lange nach der Bekehrung der Sachsen ein heidnischer Gottesdienst verstohlen erhalten haben. Die Neubelehrten und ihre Priester nannten die Götter der Verfahren schlechtweg Teufel (daemones) und die ihnen geheiligten Steine, auf denen wohl auch mit dem Blute der Opferthiere das, noch jetzt von dem Westphalen so sehr geliebte, Punlebrod 6) bereitet wurde, mußten ihnen natürlich als Teigtröge und Backöfen des Teufels erscheinen. 7) — Vielleicht auch hängt die Sage mit einer älteren Riesensage zusammen, die sich noch in der Gegend um Dielingen erhalten hat: Einst lebten zwei Riesen, so erzählt man; der eine auf dem Haldummer Berge, welcher auch der Stemmer Berg genannt wird, der andere auf dem Venner Berge. Die Riesenstraße nach der Wieckenhorst zwischen Dielingen und Hunteburg bekam von ihnen den Namen. Sie hatten nur einen Backofen und nur einen Teigschräpper. Den warfen sie sich einander zu. Der Wurf aber mißlang einstens, und der Schrapper fiel auf Krons Kampe auf ein klein Stück Land, welches seitdem das Hünenstück genannt wird. Den Backofen aber hatte der Riese auf dem Haldummer Berge. Als nun der vom Venner Berge seinen Teig dahin schob, klopfte er unter Bomte seine Holzschuhe aus. Davon entstand der Sandhügel, Heemanns Hügel genannt, denn der Riese hieß Heemann;8) und von dem Wasser desselben entsprang die Miegbecke, so erzählt man zu Ostercappeln.

 Die Sage verlegt zwar den Backofen auf den Haldummer Berg. Es scheint dieses jedoch auf einer Verwechselung des Erzählers, eines Hunteburger Schulknaben, zu beruhen. Denn da uns die Sage ausdrücklich berichtet, daß der Riese, welcher keinen Backofen hatte, auf seinem Wege dahin vor Bomte den Sand aus seinen Schuhen geklopft habe, dieses aber wohl für eine Fußreise durch die sandige Gegend zwischen Stemshorn und Bomte, nicht aber für den Lehmboden zwischen letzterem Orte und dem Venner Berge paßt: so muß dieser Riese auf dem Stemshorne gewohnt und der Backofen am Venner Berge gelegen haben, wo sich ja des Teufels Backofen noch jetzt findet, wie wir oben erzählten.

Beide Steindenkmäler weiden in der 1841 zu Hannover gedruckten Statistik der heidnischen Denkmäler von

 Wächter nicht erwähnt; dagegen findet sich darin S. 107 eine kurze Nachricht von dem, auch schon in Strodtmanns Idiotikon beschriebenen, Sündelsteine. Derselbe liegt gleichfalls im Verther Bruche hoch am südlichen Abhange der Venner Egge eine viertel Meile etwa westlich von dem Teigtroge des Teufels fast an der Grenze der Verther und Venner Marken. Am besten gelangt man von Osnabrück dahin, wenn man der nach Venne führenden Landstraße bis fast auf die Höhe der Egge folgt und von dort einige Minuten weit ostwärts in den Markenweg einbiegt. Er besteht aus einem einzelnen dunkelrothen Granitblocke, welcher in der Gestalt eines Kegels oder einer gothischen Kirchenthür reichlich 13 Fuß hoch und 4 Fuß breit aus der Heide hervorragt.

Nach früheren Beschreibungen und nach den Mittheilungen des Subconrectors Hartmann im Adreßbuche der Stadt Osnabrück v. 1853 S. 206 umgiebt ihn ein Ring kleinerer Blöcke, wonach er die größte Aehnlichkeit mit der in Wächter S. 106 beschriebenen 8 Fuß hohen Pyramide haben würde, welche früher an der Stelle stand, wo später der Todtenhof der St. Iohanniskirche zu Osnabrück angelegt wurde. Allein dieser Steinring ist jetzt wenigstens nicht mehr vorhanden, auch scheinen die Paar rohen Blöcke, welche jetzt noch in der Nähe des Sündelsteines liegen, sowohl ihrer Lage, als auch ihrer sehr verschiedenen Größe nach nicht zu einem solchen Steintreise gehört zu haben, und möchte man fast annehmen, jene anscheinend zufällig dort vorhandenen Steine seien irrthümlich für Reste eines zerstörten Steinringes gehalten worden.

An der nördlichen nach Venne zu gewandten Seite des Sündelsteins ist eine muldenartige Vertiefung, wie von einem riesigen menschlichen Körper. Zum Theil scheint sie absichtlich ausgehöhlt oder wenigstens durch Menschenhände erweitert. Vielleicht könnte man aus dieser Vertiefung schließen, daß der Stein früher als Altar für Menschenopfer gedient habe und erst später von den christlichen Bekehrern unserer heidnischen Vorfahren aufgerichtet worden, um ihn durch angelegtes Feuer zu sprengen und unbrauchbar zu machen. Vielleicht auch war er ein Heiligthum der Sonne in dem ihr heiligen Haine.

Die Venner Egge nämlich gehört zu dem großen Gebirgszuge des Süntels, dessen Namen sich bis auf unsere Zeit erhalten hat. Den Namen Süntel führt jetzt noch eine bedeutende Berghöhe: der große und der kleine Süntel Amts Springe, an welchem die gleichnamigen Colonien liegen. Der Süntel macht gewissermaßen den südlichen Schluß der ganzen Süntelkette, zwischen der und den Lauensteiner Bergen sich das Thal der Hamel und Saale durchzieht. Gegen Norden hat sich der Name erhalten in dem Sündelhügel und Sündelbach bei Osnabrück. Der Sündelstein wird wohl davon auch seinen Namen haben. Die Sage sucht ihn aber auf andere Weise zu erklären: Als die erste Kirche zu Venne gebaut wurde, da hausete noch der Teufel im Verther Bruche jenseits des Berges, wo der Teigtrog und Backofen desselben an den schwarzen Ufern der Krietbecke bis auf den heutigen Tag zu sehen sind. Dem mißfiel sehr dieses heilige Werk des Kirchenbaues. Um die Thür der Kirche zu sperren, holte er um die Mitternachtsstunde einen großen Granitblock, wahrscheinlich vom Gattberge, wo noch jetzt zahllose Granitblöcke umherliegen. Er band eine dicke Kette kreuzweis herum und begann dann auf seinem Rücken ihn berganwärts zu schleppen. Der Stein war aber so schwer, daß trotz seiner riesigen Stärke ihm doch recht höllisch heiß wurde. Manchmal blieb er stehen, um sich zu verschnaufen. Die Zeit verstrich inzwischen bis zum Grauen des Morgens. In dem Augenblicke, als er grade oben am Berge ankam, schoß von Osten zu ihm herüber der erste Strahl der aufgehenden Sonne und ein wachsamer Hahn krähte vom Venner Thale herauf seinen Morgengruß. Da ging das nächtliche Walten des Teufels zu Ende. Wüthend erfaßte er den Stein am Kopfe und stieß ihn mit aller Kraft in den harten Boden des Berges. Seitdem hat der Teufel die Gegend verlassen. Der Stein steht noch auf derselben Stelle, wo er in die Erde gestampft wurde; aber von dem gewaltigen Stoße hat er da, wo die Kette ihn umschloß, in der Mitte und von oben nach unten zwei durchgehende Risse bekommen. Auch sind die Spuren der Kette an den äußern Rändern dieser Risse noch sichtbar, und an der nach Venne gekehrten Seite des Steines steht man deutlich die Eindrücke von dem Körper des Teufels; denn die höllische Hitze seines Leibes hat den Granit geschmolzen, wo er ihn berührte. Seit jener Zeit dreht sich der Stein jeden Morgen beim ersten Strahle der aufgehenden Sonne drei Mal um seine Achse, und zum ewigen Gedächtnisse der Rettung der Venner Kirche durch die Sonne, welche das nächtliche Walten des Bösen vernichtet, wird er noch jetzt der Sündelstein genannt. Wächter in seiner Statistik findet in der Sage vom Sündelsteine eine Hindeutung auf den Sieg des Christenthums im Kampfe mit den heidnischen Göttern.

Der Teigtrog und Backofen des Teufels wurde am 2./19. April dieses Jahres von dem bisherigen Eigenthümer, dem Neubauer Kreimer, für den historischen Verein zu Osnabrück durch seinen Vorstand angekauft.

1)Villa Vene 1086, Brocseten 1149,

2)Doch ist es wohl richtiger abzuleiten: Seelhorst von Sabel, Sebel, welche« in den Worten: Sadel oder Saelhofen (Selihova) und in dem Worte Saal vorkommt, und in dem Orte: "In den Seelhöfen", die Oberzala/.»In der ältesten Osnabr. Urkunden bei Altenmelle, dem früheren Gerichtsplatze des Schreigödings, erhalten hat. Sabel oder Sebel, ursprünglich = Sitz, daher Sabel-, Sebel-, Sael- oder Seelhöfe, Stuhlhöfe, welche eine» Erb-Schöffensitz im Gericht haben. Im Osnabrückschen führten diesen Namen nur die Erbgeschwornen Im Schreigöbing «der Blutgericht, welche« zu der Oberzala!» (ad dijudicandum homines) der ältesten Urkunden stimmt. Nur im Tecklenburgschen Gogericht zu Schwagstorf thaten die Saelfreien auch zugleich Schöffendienst in bürgerlichen und sonstigen Streitigkeiten, Darnach liegt die Erklärung des Worte« Seelhorst für Gerichtshorst, Gerichtshof näher; wobei noch zu erwähnen ist, daß auch: Vera zwar eigentlich: «anima», Seele; in der Zusammensetzung mit: Qnalla (ferah-qualla) aber auch supplicium, Todesstrafe bedeutet. Dazu würde die blutige Bestimmung des Sündelsteines gut passen, wenn man in ihn, einen umgestürzten heidnischen Altar für Menschenopfer sieht. Siehe unten.

3)u. 4) Holtmarke in locis Enghetere et Vene 1170, worin der Bischof dem Capitel zu St. Johann den Holzhieb schenkte.

5)Jckari 1090. Dei frühere Holzreichthum der dortigen Gegend ergiebt sich aus dem Verzeichnisse der Osnabrückschen Tafelgüter v. 1240 unter Curtis Belehem

In Verethere marke ibunt. Ix. porci et unus aper.

In Harre marke simili modo ibunt Ix. Porci et unus aper.

In Halethere marke similiter.

In Gretescher marke similiter.

Daneben mußte jeder Hof in dortiger Gegend 4 Fuder Holz liefern an die bischöfl. Küche.

Das Ickerbruch hatte bis zur Marktheilung sehr schönen Eichwald.

6)Auch Wöblenbrod genannt.

7)In der Lebensbeschreibung des heiligen Columban wird erzählt, daß bei einem solchen Opferschmause auch das Blut der geschlachteten Thiere genossen wurde. Noch in der christlichen Zeit wurde jede feierliche Handlung mit einem Schmause oder Trinkgelage von unsern Vorfahren eingeleitet und geschloffen. Bei jedem Burgerichte, Burspruche und Godinge wurde mindestens eine Tonne Bier aufgelegt. Mit den Hofsprachen, Erbtagen und Freidingen war außerdem in der Regel ein tüchtiger Schmaus verbunden, und die Zehrungskosten für Richter und Gerichtsgenossen bei den Landgödingen, Büchtengerichten und Höltdingen beliefen sich noch im 17. Jahrhundert oft auf 50 bis 100 Thaler. Außerdem mußten die Partheien in der Regel für ein jedes Urtheil den Churgenoßen, Saelfreien und Urtheilsweisern nach der Wichtigkeit der Sache und Würdigkeit der Person eine Tonne Bier oder weniger und dem Richter und Actuar für jedes Zeugenverhör eine Kanne Wein opfern.

8)Vielleicht Heimann, wobei man an die Hamanns-Kinder der Gage erinnert wird.

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