Fritz Grimm
war bis zur Gemeinde- und Gebietsreform am 1. 7. 1972 Bürgermeister der Gemeinde Vehrte. Er ist in Vehrte auf dem elterlichen Hof aufgewachsen und hat die Kriegs- und Nachkriegszeit in Vehrte hautnah miterlebt. Fritz Grimm ist inzwischen verstorben.
Mit Genehmigung seiner Ehefrau Gerda Grimm drucken wir hier ab, was ihm aus dieser Zeit und auch vom Schnapsbrennen und vom Kohlenklau in Vehrte noch in Erinnerung war. Für die Jüngeren sind diese Aufzeichnungen bestimmt interessant. Viele ältere Bewohner in Vehrte werden sich hieran ebenfalls noch gut erinnern.
In dem 1980 erschienenen Heimatbuch Belm (1) sind die nachstehenden Erinnerungen bereits abgedruckt.
Schnapsbrenner und Kohlenklau in Vehrte
Fritz Grimm
Bei Kriegsende 1945 war Hellmut auf unserem Hof in Vehrte hängengeblieben.
Er stammte aus dem Teil Pommerns, der heute zu Polen gehört. Zusammen mit Paul aus Thüringen und Hugo aus Mecklenburg machte er die Arbeit, die während des Krieges von Polen gemacht worden war.
Der Krieg hatte die Menschen durcheinander gewirbelt wie ein Herbststurm die Blätter. Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte suchten ein Dach; entlassene Landser wollten nach Hause; Russen und Polen durchstreiften das Land, warteten auf ihren Rücktransport und die Engländer waren Besatzungsmacht.
Lebensnotwendiges war knapp und etwas mehr schon Luxus. Für manche galt das Faustrecht.
An einem Sonntagmittag drangen Polen in einem Hof in Wellingen ein und verlangten von dem Bauern Eier. " Ich habe keine", sagte er, "und wenn ich welche hätte, dann bestimmt nicht für Euch!" Sie erschossen ihn in der Küche.
Ein Bekannter besuchte uns und stellte sein - ach so wertvolles – Fahrrad abgeschlossen vor die Haustür. Zwei vorbeikommende Russen nahmen es mit - einer am Lenker, einer am Gepäckträger. Aufgeregt lief der Besitzer ihnen nach und rief : "Halt, halt; mein Rad! " "Dein Rad? " fragte einer der Russen während er seelenruhig eine Pistole zog : "Gib Schlüssel!"
Hellmut, Paul und Hugo hatten sich etwas eingelebt und waren eines abends zum Kartenspiel in der Nachbarschaft, als mehrere Polen in unser Haus eindrangen. Frauen und Kinder waren allein, doch zum Glück gelang es im ersten Durcheinander, eine auf dem Dach montierte Sirene einzuschalten. Im Kriege musste das bei "Fliegeralarm" und Entwarnung gemacht werden. Heute haben wir wieder so was, aber ferngesteuert. Der schrille Heulton trieb die Polen Hals-über-Kopf aus dem Haus. Wild um sich schießend flüchteten sie querfeldein , so dass die herbeieilende Nachbarschaft volle Deckung suchen musste. "Verdammt, fast hätten die Lumpen mir den Mutz kaputtgeschossen! " fluchte Hellmut.
Rauchen war seine Leidenschaft; obwohl er den Pfeifenkopf auf ein absolut notwendiges
Minimum abgefeilt hatte und Heublumen- und anderen Tee rauchte, reichte es weder hinten noch vorn. Das wurde erst besser, als er sich im Garten eine kleine Tabakpflanzung anlegte. Da aber schon frühzeitig soeben gelbe Blätter von der Pflanze über den Backofen in den Pfeifenkopf wanderten, spannte er, lange vor der neuen Ernte, die aufbewahrten Pflanzenstängel in den Schraubstock und bearbeitete sie mit einer Holzraspel. Derart gewonnener Raspeltabak oder " Krüll vom Stängel " zeichnete sich durch intensive Glimmfähigkeit aus, so dass Hellmut mit einem Streichholz zwei Pfeifen rauchen konnte : die erste normal von oben nach unten brennend, danach brannte die zweite - gemächlich neu gestopft - von unten nach oben.
"Typisch Obergefreiter", meckerte Paul , wenn ihm der Stängelmief zuviel wurde, "die bauen nicht nur Mist, die stinken auch so." Hellmut war der geborene Nicht-Soldat, hatte aber den Krieg von Anfang bis Ende mitgemacht und wurde sogar Obergefreiter. Paul dagegen war Oberfeldwebel gewesen und er erzählte oft, wie gut es seine Leute bei ihm - immer
zackig - als " Mutter der Kompanie" gehabt hätten. "Als Spieß konntest du deine Klappe lange genug aufreißen " , antwortete ihm Hellmut dann, "aber jetzt musst du schön artig se in, sonst schicken wir dich nach Nürnberg! Wart' erst mal ab, was aus deinen Wander-
zigarren wird."
Paul hatte seinen Tabak nämlich in Rulle von einer ehemaligen Zigarrendreherin zu kleinen Stangen mit unregelmäßigem Durchmesser verarbeiten lassen. Im Moment standen die Dinger in einer Kiste zum " Reifen " auf Bäcker Balgenorts Backofen. Als er nach einiger Zeit die erste dieser Zigarren feierlich in Brand setzte, sah alles interessiert zu. "Lass doch mal
'n Zug machen ", streckte Hellmut die Hand aus. "Na! ", stolz zeigte Paul die erste schneeweiße Asche ,,- kannst die Kippe kriegen! " Doch schon beim nächsten Zug warf er die Zigarre mit einem Fluch auf den Tisch, sprang auf und lief zum Wasserhahn. Es stellte sich heraus, dass nicht nur diese, sondern alle Zigarren so waren: der innere Teil - zu locker und zu trocken - brannte weg wie Zunder, während die dicken Deckblätter als Rohrwand stehen blieben. "Da habt ihr mal einen Feuer speienden ,Spieß' gesehen" , grinste Hellmut, als er den Zigarrenrest pfeifengerecht zerschnitt.
Im Jahr darauf bauten wir für die Firma Brinkmann in Bremen Tabak an. Für die gebündelten und getrockneten Blätter gab es etwas Reichsmark und - was viel wichtiger war - fertigen Pfeifen-Krüll-Tabak. Für Hellmut kam die Welt so langsam wieder in Ordnung.
Nach dem Zigarrendesaster überraschte uns Paul mit einer Schnapsidee: "Wie wär's, wollen wir nicht mal das Schnaps-Brennen versuchen?"
Aber wie und woraus? Irgendwer wusste, dass die Primitiv-Brennerei aus Getreide gefährlich sei, weil dabei zu leicht Methylalkohol entstehe und der sei giftig. Also einigten wir uns auf Futterrüben und zum "wie" sagte Paul: "Lasst mich man machen." Er suchte ein altes Holzfass, füllte es zur
Hälfte mit feingemusten Rüben, gab etwas Hefe dazu und grub das ganze in warmen Pferdemist ein, damit es gäre. Nach einigen Tagen sagte er: "Morgen wird destilliert." Die Vorbereitungen dauerten einen halben Tag: Die Maische kam in den Schweinekessel, der Deckel wurde mit Stangen zur Decke festgekeilt und der Rand mit feuchtem Getreideschrot abgedichtet. Ein Gummischlauch wurde in ein vorher eingehauenes Deckelloch gesteckt und durch eine mit kaltem Wasser gefüllte Milchkanne geführt.
Letzte, prüfende Korrekturen - und unter Spannung und Skepsis wurde eingeheizt. Bald zischte und schäumte es aus allen Ritzen und Löchern - nur der Schlauch gab nichts von sich. "Mach noch mehr Feuer! " - " Siehste!" Jetzt spuckte stoßweise eine dunkelbraune, dampfende Flüssigkeit aus dem Schlauch in einen darunter stehenden Topf. Das Kühlwasser begann zu dampfen. Paul musste eine Strebe nachschlagen, da zuviel Dampf
entwich. Ein Keil rutschte , die Strebe kippte, der Deckel hob sich, und mit Dampf und Donner schoss die brodelnde Brühe an Wand und Decke. Das Saubermachen dauerte auch einen halben Tag, und was in dem Topf war, haben wir nie erfahren.
Dass wir bei allem noch Gück gehabt hatten, wurde uns erst später klar, als in einem ähnlichen Fall ein Bauer aus Haltern an den dabei erlittenen Verbrennungen starb. Im Augenblick war es jedoch nur ein missglückter Versuch und es fügte sich glücklich, dass meinem Großvater - einem Kupferschmiedemeister in Osnabrück - vom Zoll beschlagnahmte Destillationsapparate zur Verwertung als "Altkupfer" überlassen wurden. Jetzt hatten wir einen Apparat aus Kupferblech, doppelwandig, mit Kühlschlange und Manometer - ein Profigerät, das später auch aus der Nachbarschaft unter dem Stichwort "Scheibenegge " angefordert wurde. Sogar die Dorfpolizisten lobten unseren Schnaps. Auch die" Rohstoffbasis" verfeinerte sich mit der Zeit. Man brauchte zwar einen Tag, um sich mit Pferd
und Wagen aus Rabber für ein Fuder Zuckerrüben mehrere Eimer Sirup zu holen, dafür gelang aber jede "Destillation" auf Anhieb und man hatte beim Trinken nicht die Vision aus der Flasche wachsender Rübenblätter.
Zuckerrüben waren deshalb derart gefragt, so dass wir unsere zur Erntezeit gelegentlich bewachten. Einmal erwischten wir jemanden aus dem Schinkel, der noch in der Nacht nach Hause radelte, um eine Kiste Zigarren zu holen. (" Bitte nicht anzeigen, ich bin Beamter. ") Natürlich durfte er soviel Rüben mitnehmen , wie sein Drahtesel trug . Nicht jeder konnte Ware gegen Ware tauschen. So erinnere ich mich an ein Telefongespräch, dass
ich zufällig im Versorgungsamt Osnabrück hörte. Da verlangte jemand Herrn Müller vom Entnazifizierungshauptausschuss und, als er diesen hatte: "Du, Herbert, kannst Du mir zum Wochenende ein paar Stück Seife besorgen?" Pause - und dann: " Ja, das geht in Ordnung."
Der Schwarzmarkt blühte, Hamstern gehörte zum Alltag und Tauschen zum Geschäft.
Mein Vater - mittlerweile auch wieder zu Hause - brauchte einen Anzug. Der Schneider im Ort konnte so etwas beschaffen, dazu noch aus einem Stoff, "der wirklich mal einen Regenschauer vertragen kann." Allerdings kostete das ein mittelgroßes Schwein. Dieser "quick-quick" Markenanzug (Modell Dr. Schlauchs's rund gebügelte Gesundheitshose) ist tatsächlich etwas älter geworden als das gelieferte Schwein.
Inzwischen war das Verfahren der Schnapsherstellung verbessert worden, indem wir den ersten Durchlauf nochmals destillierten. Das Produkt, 90%iger Alkohol, wurde auf etwa 35% verdünnt. Dr. H., der mit Familie bei uns wohnte und sich um eine Zulassung als praktischer Arzt bemühte, wusste, dass Waldmeister dem Schnaps ein ganz vorzügliches Aroma verleihe.
Der erste Versuch befriedigte nicht, weil wir dem Waldmeister nur eine knappe Stunde Zeit ließen, sein Aroma zu entfalten. Erst als wir ihm eine Woche gaben, glaubte man schon nach einigen Gläsern im Wald zu stehen.
Auch Felix M. aus der Nachbarschaft wusste unseren " Brand " zu schätzen und war häufiger Gast. Immer wenn er kam, machte er einen so hundemüden Eindruck, dass wir ihn einmal fragten, ob er denn nie richtig ausschlafen könne. "Ausgeschlafen sein, das heißt beim Anblick eines frisch gemachten Bettes körperlichen Ekel zu empfinden ", meinte er dann, "und das Gefühl hab' ich noch nie gehabt." Dabei war er noch recht aktiv im Sportverein, genauer gesagt, in dessen Vorstand. In dieser Eigenschaft kam er eines Tages zu mir: "Du, an dem und dem Samstag machen wir unseren Rosenmontagsball, da solltest Du den Prinzen machen." "Ich? Wieso ich?" " Ja, weißt Du, Du könntest doch schließlich etwas Schnaps . . . , also bei diesem Heißgetränk, was da in der Kneipe ausgeschenkt wird,
kommt doch keine Stimmung auf." "Ach so - na gut! " Mit 30 Flaschen stellte das Orte verbindende Fest (die Prinzessin Anne L. kam aus Icker) auch die Standfestesten zufrieden. Gegen Morgen nämlich - die Musikkapelle begleitete gerade einige Festteilnehmer zum Bahnhof, die in Hamburg ein HSV-VFL-Spiel sehen wollten - meinte Hermann P. zu mir: "Na,
ist deine Quelle ausgetrocknet?" "Wenn Du einen findest, der zur Quelle fährt: bei uns steht noch eine halbe Flasche." Er fand jemanden. Dass es jedoch 90%iger war, verschwiegen wir dem Hermann, als wir ihm das erste Glas daraus eingossen. Er hatte es kaum gekippt, als er es in die Ecke feuerte und sich sein großes weißes Taschentuch ganz und gar in den
Mund stopfte. - "Hermann, noch einen?" - Mit vorwurfs- und tränenvollen Augen schüttelte er zuerst heftig den Kopf und dann - wie ein nasser Hund - den ganzen Körper.
Feste und Feiern nahmen zu, denn der Nachholbedarf war groß. Fast jeder brannte Schnaps oder kannte jemanden , der Schnaps brannte und selbstverständlich brachte man eine Flasche mit. Es förderte die Geselligkeit und ließ keine Langeweile aufkommen, wenn alles durcheinander probierte. "Na, schmeckt er?" "Hm - gut!" Dabei war es immer der gleiche „Balkenbrand", mal schmeckte er wie Eierlikör und mal nach Runkeln , mal wie Pfefferminze und mal nach Gummi.
Es war wichtig, während des "Brennens " gleichmäßige Temperatur und damit gleichmäßigen Druck zu halten, weil andernfalls der ganze Brand verdorben war. Das war schwierig hinzukriegen mit Holz, denn man musste das Feuer ständig im Auge haben.
Mit Kohle wäre es besser gegangen, wenn es welche gegeben hätte. Wir sahen zwar genug davon, weil täglich bei uns lange Güterzüge aus dem Ruhrgebiet vorbeirollten, die die Kohle
nach Hamburg brachten , von wo sie nach irgendwohin verschifft wurde. Allerdings hatten die alten, schnaufenden Dampfloks auf der ansteigenden Strecke von Osnabrück nach Vehrte häufig genug ihre liebe Last, um die Waggons in Bewegung zu halten. Besonders im Winter ging ihnen gelegentlich die Puste aus, wenn der kalte Ostwind auf die Breitseite des
Kessels drückte und der ganze Zug nur im Schritttempo vorwärts kam oder anhalten musste, um wieder Dampf zu machen. Dann war "Zechen-Zeit" längs der Bahnlinie. Es war erstau-n lich, woher so schnell so viel Leute kamen, selbst Dr. H's sonst recht vornehme Frau rutschte nach getaner Arbeit strahlend und mit roten Backen auf ihrem Leopardenmantel den
Bahndamm herunter.
Hielt der Zug länger, war aber auch bald die Polizei zur Stelle. So in Powe, als jemand auf dem Waggon erwischt wurde. "Kommen Sie sofort herunter!" befahl der Polizist. "Ja, ja", rief der Betreffende, "nur ist's mir zu steil; - wegen meines Holzbeines. Ich komme an der anderen Seite runter!" ,Den hab' ich geschockt', dachte der Ordnungshüter und ging -
damit er sich nicht zu bücken brauchte - um den Zug herum, den Kohlenklauer zu empfangen. Nur - dort war niemand zu sehen. Also rauf auf den Waggon: Da sah er ihn in der Ferne laufen, aber an der "steilen " Seite, bestimmt mit zwei gesunden Beinen und dazu noch mit einem Kohlensack auf dem Buckel.
Auch im Vehrter Dorf lag einmal spät abends eine Lok fest. Trotz größter Feuer speiender Anstrengung gelang es ihr nicht, den Zug vorwärts zu bewegen. Eine Rangierlok wurde telefonisch von Osnabrück angefordert, um das Ganze über den Berg zu schieben . Inzwischen hatten aber die Bewohner vom Gattberg und vom Dorf mit Wagen und Karren begonnen, die letzten Waggons zu erleichtern . Man war mitten in der Arbeit, als die
Rangierlok angefaucht kam. "Mann, kannste nicht etwas warten? Wir holen Dir auch was zu essen." "In Ordnung - macht aber dalli!" Nach einer guten halben Stunde waren beide Seiten zufrieden gestellt. Kräftig pfiff die Rangierlok, müde antwortete die vordere und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.
Zusammen genommen geben diese kurzen Erinnerungen kein Bild von jener Zeit vor über dreißig Jahren. Es sind Schlaglichter aus einem kleinen Teil des Lebens jener Jahre, die so reich an Not und Sorge waren, aber auch nie ohne Lebenswillen und Hoffnung.







